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Geschichte
Vorgeschichte, Antike und Frühmittelalter

Nach Ausgrabungen im Jahr 1955 wurde das Gebiet schon ca. 2000 v. Chr. besiedelt. Eine Gruppe von Grabhügeln im Wald nördlich von Oberjettingen deutet auf Besiedler aus der Hallstattzeit. Dort wurden auch ein Einzelgrab mit menschlichem Skelett und Grabbeigaben gefunden. Die Hallstattleute wurden 400-100 v. Chr. von Kelten verdrängt. In einem Wald südwestlich von Oberjettingen kann man eine keltische Viereckschanze betrachten.[4]

Um 72 n. Chr. bemächtigten sich die Römer des Gebietes. Um 260 n. Chr. wurden diese von den Alemannen überwältigt. Diese nannten ihre Siedlung nach ihrem Führer Uoto Uotingen und prägten so die Namensgebung des Ortes. 553 n. Chr. unterlagen die Alemannen den Franken. Diese führten die Christianisierung durch und erbauten die Oberjettinger und die Unterjettinger Kirche. Um 700 bis 800 n. Chr. wurde Ütingen aufgegeben und es wurden zwei neue Dörfer gegründet (heute: Oberjettingen und Unterjettingen).[4]

Mittelalter und Neuzeit bis 1954
Michaelskirche (ev) Unterjettingen
Unterjettingen

Das 1229 erstmals genannte Unterjettingen unterstand den Pfalzgrafen von Tübingen. 1247 kam es durch die Heirat der Pfalzgrafentochter Mechthild mit Burkhardt III. von Hohenberg als Mitgift an die Grafschaft Hohenberg. 1398 kaufte der Markgraf von Baden den Ort. Durch einen Gebietstausch wurde es 1603 württembergisch.

Oberjettingen

Der Ort gehörte anfangs ebenfalls den Pfalzgrafen von Tübingen, die ihn 1288 an das Kloster Reuthin (nächst Wildberg) verkauften. 1803 kam der Ort an das Königreich Württemberg.

Am Abend des 16. April 1945 bombardierten Jagdbomber Oberjettingen. Dabei brannten 172 Gebäude, etwa die Hälfte des Ortes, nieder. Am 17. April 1945 marschierten französische Truppen in Oberjettingen ein und versetzten die Einwohner in Angst und Schrecken. Wie auch in Nachbargemeinden wurden Frauen und Mädchen vergewaltigt.[5]

Sindlingen

Zum ersten Mal wurde das Gut im Jahr 1150 als Sindelingen erwähnt. Von 1452 bis 1618 war die Domäne als württembergisches Lehen im Besitz der Familie von Gültlingen. Von dieser Familie gelangte sie 1618 an Heinrich Teuffel von Birkensee, seine Gemahlin und Heinrich von Trauschwitz. Nach dem Ableben des Letzteren fiel das Lehen wieder an den Herzog Eberhard III. von Württemberg zurück, der es 1640 an den kärntischen Adligen Andreas v. Bernerdin auf Bärenthurn verkaufte. Über 140 Jahre lang blieb es im Besitz dieser Familie, bis diese 1782 im Mannesstamm ausstarb.

Am 9. November 1785 erwarb Reichsgräfin Franziska von Hohenheim, spätere Gemahlin des Herzogs Karl Eugen von Württemberg, das Schloss samt Anwesen; nach dem Tod des Herzogs lebte die Witwe im Sommer auf dem Schloss. Von 1794 bis zu seinem Tod 1819 hielt sich der bekannte Pietist Johann Michael Hahn in Sindlingen auf. Nachdem die württembergische Herzogin am 1. Januar 1811 gestorben war, suchte ihr Universalerbe, Kammerherr v. Böhnen, nach einem Käufer.

Mit einem Vertrag vom 26. Februar 1812 wurde das Anwesen an die Fürstin Philippine Karoline von Colloredo-Mansfeld verkauft. Die neue Besitzerin kaufte Grundstücke zur Arrondierung des Guts an und erwarb 1814 das Recht, Sindlingen zur eigenen Markung zu machen. Sie löste die Markungs- und Weiderechte sowie teilweise auch die Steuerrechte der benachbarten Gemeinden ab und erwarb die gesamte Schafweide. In kirchlicher Hinsicht war das Gut ein Filial von Oberjettingen; der dortige Pfarrer hielt alle drei bis vier Wochen sowie an den Aposteltagen Gottesdienst und reichte jährlich dreimal das Abendmahl. Zum Gut gehörte ein Gasthaus mit dem Recht der Schildwirtschaft.

Die Hofdomänenkammer als Privatvermögensverwaltung der königlichen Familie kaufte das Gut im Februar 1840 um 220.00 Gulden von der Fürstin. Nach dem Zweiten Weltkrieg enteignete die Württembergische Landsiedlung im Zuge der Bodenreform 1954 das Gut Sindlingen.

Liste der Pächter von 1843 bis zur Enteignung 1954:

Friedrich und Gottlob Bräuninger, Brüder, Lauffen/Neckar (Gottlob Bräuninger tritt auf Georgi 1855 den Pacht auf der Domäne Einsiedel an.) (1843–1855)
Friedrich Bräuninger (1855–1870)
Heinrich Bräuninger, Sohn (1870–1888)
N. N. Ruoff (1888–1896)
Friedrich Adlung, Ökonomierat (1896–1921)
Rudolf und Friedrich Adlung (Brüder) (1921–1946)
Friedrich Adlung (1946–1954)

Sindlingen 1683, Forstlagerbuch von Andreas Kieser

Schloss Sindlingen

Kirche beim Schloss Sindlingen

Seit 1955
Der 1961/62 erbaute Wasserturm in Oberjettingen

Seit 1955 entstanden in beiden Ortsteilen umfangreiche neue Wohngebiete. In dieser Zeit wurde westlich und südlich von Unterjettingen sowie am nördlichen Ortsrand von Oberjettingen auch Gewerbe angesiedelt. Im Zuge der Gebietsreform in Baden-Württemberg wurde am 1. Dezember 1971 aus den bis dahin selbständigen Gemeinden Oberjettingen und Unterjettingen (mit Sindlingen) die Gemeinde Jettingen gebildet. Zwischen Ober- und Unterjettingen fand inzwischen ein großes neues Ortszentrum seinen Platz. Eine Mehrzweckhalle mit dem Namen Willy-Dieterle-Halle (ehem. Schwabenhalle) und eine Hauptschule wurden dort gebaut. Die ehemalige Hauptschule wurde mittlerweile zu einer Gesamtschule umfunktioniert (siehe Abschnitt Bildung).

vergrößern und Informationen zum Bild anzeigenPanorama von Oberjettingen und Ortsmitte
Bevölkerung
Demografie

Die Einwohnerzahlen in der folgenden Tabelle sind Volkszählungsergebnisse (¹) oder amtliche Fortschreibungen des Statistischen Landesamtes[6] (nur Hauptwohnsitze).

Jahr Einwohner
1. Dezember 1871 ¹ 1747
1. Dezember 1880 ¹ 2005
1. Dezember 1900 ¹ 2036
16. Juni 1925 ¹ 2160
16. Juni 1933 ¹ 2151
17. Mai 1939 ¹ 2072
13. September 1950 ¹ 2969
6. Juni 1961 ¹ 2938
Jahr Einwohner
27. Mai 1970 ¹ 3721
31. Dezember 1980 4794
25. Mai 1987 ¹ 5330
31. Dezember 1995 6745
31. Dezember 2000 7506
31. Dezember 2005 7722
31. Dezember 2010 7571
31. Dezember 2015 7654

Von den 7568 Einwohnern Jettingens (Stand: 31. Dezember 2014) sind 3821 weiblich (entspricht 50,5 Prozent aller Einwohner) und 3747 männlich. 816 Personen (10,8 Prozent) besitzen nicht die deutsche Staatsbürgerschaft; mehr als die Hälfte von ihnen (438 bzw. 58 Prozent aller Einwohner ohne deutsche Staatsbürgerschaft) sind Staatsbürger der Türkei.[7]

Religionen

Von den 7568 Einwohnern Jettingens (Stand: 31. Dezember 2014) sind 3468 bzw. 46 Prozent protestantisch und 1362 bzw. 18 Prozent katholisch. 2738 Personen (entspricht 36 Prozent) hatten zu diesem Zeitpunkt eine andere Konfession oder waren konfessionslos.[7]

Im heutigen Ortsteil Sindlingen lebte der pietistische Theologe Johann Michael Hahn unter der Protektion der Herzogin Franziska von Hohenheim. Nach seinem Tod entstand unter seinen Anhängern die Michael Hahn’sche Gemeinschaft, eine evangelische Versammlungsbewegung, die noch heute besteht.[8]

Politik
Gemeinderat und Bürgermeister

Der Gemeinderat in Jettingen hat 18 Mitglieder. Die Kommunalwahl am 25. Mai 2014 führte zu folgendem amtlichen Endergebnis.[9]

Parteien und Wählergemeinschaften %
2014
Sitze
2014
%
2009
Sitze
2009

Kommunalwahl 2014

 %50403020100

41,88 %40,99 %17,13 %

CDUFWSPD
Gewinne und Verluste

im Vergleich zu 2009
 %p   4   2   0  -2  -4

+2,98 %p
-1,41 %p-1,67 %p
CDUFWSPD

CDU Christlich Demokratische Union Deutschlands 41,88 8 38,9 7
FW Freie Wähler, Wählergemeinschaft Jettinger Bürger 40,99 7 42,4 8
SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands 17,13 3 18,8 3
gesamt 100,0 18 100,0 18
Wahlbeteiligung 53,86 % 56,4 %

Der Gemeinderat besteht aus den gewählten ehrenamtlichen Gemeinderäten und dem Bürgermeister als Vorsitzendem. Der Bürgermeister ist im Gemeinderat stimmberechtigt.

Erster Bürgermeister der Gesamtgemeinde wurde 1972 Willy Dieterle, der dieses Amt bis 2004 innehatte.

Seit dem 1. April 2004 steht Hans Michael Burkhardt der Gemeinde vor.[10] Bei der Wahl am 1. Februar 2004 erhielt er 97,5 Prozent der Stimmen. Am 22. Januar 2012 wurde er mit 98,4 Prozent der Stimmen wiedergewählt.[11]

Wappen

Das Wappen wurde aus den beiden Wappen der früher selbstständigen Dörfer Ober- und Unterjettingen zusammengesetzt. Im oberen Teil stehen drei schwarze Tannen auf silbernem Grund, die dem Wappen Oberjettingens entnommen sind und an die Nähe zum Schwarzwald erinnern. Unten steht ein silbernes Johanniterkreuz auf rotem Grund. Es ist das ehemalige Wappen Unterjettingens und bezieht sich darauf, dass der Johanniterorden früher die niedere Gerichtsbarkeit dort innehatte.

Wappen von Oberjettingen

Wappen von Unterjettingen

Wappen von Jettingen

Gemeindepartnerschaften
Senones (Frankreich), seit 1993
Vernio (Italien), seit 2001
Volksabstimmung zu Stuttgart 21

Bei der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 im November 2011 stimmten 73,5 Prozent der Jettinger gegen den Ausstieg aus der Finanzierung des Projektes, was dem höchsten Prozentsatz im Landkreis Böblingen entspricht.[12]

Wirtschaft und Infrastruktur
Energie
Umspannwerk

Die Gemeinde ist Standort eines zu Beginn der 1970er Jahre errichteten 380 kV/110-kV-Umspannwerks der EnBW AG.

Windkraftanlagen
Die beiden Oberjettinger Windkraftanlagen

In Jettingen befinden sich die beiden einzigen Windkraftanlagen im Kreis Böblingen. Es handelt sich um zwei Seewind 20/110, die 1995 errichtet wurden. Sie haben eine Nennleistung von 110 bzw. 132 kW. Der Rotor beider Anlagen hat 22 Meter Durchmesser, die Nabe liegt 31,2 Meter über dem Erdboden.[13]

Photovoltaik

Ab dem Bau der ersten Solaranlagen 1994 nahm die Anzahl stetig zu. Im Oktober 2012 waren 302 Anlagen mit einer Maximalleistung von insgesamt 3762 kW oder 3,7 MW installiert.[14]

Verkehr
Straßen

Jettingen liegt an der Bundesstraße 28 zwischen Nagold und Herrenberg. Hinter Herrenberg ist diese an die A 81 angeschlossen. Seit 2011 wird der Durchgangsverkehr durch die neu erbaute Ortsumgehung nördlich an Jettingen vorbeigeführt.

Bus und Bahn

Buslinien verbinden Jettingen direkt mit den Städten und Gemeinden Altensteig, Ebhausen, Rohrdorf, Nagold, Herrenberg, Mötzingen, Gäufelden, Ammerbuch und Tübingen bzw. Teilorten derer.
In Herrenberg besteht unter anderem Anschluss an die Gäubahn, an die Ammertalbahn und an die S-Bahn Stuttgart, in Nagold an die Nagoldtalbahn nach Pforzheim und Horb am Neckar.

Bildung

Neben einer Gemeinschaftsschule für die Klassen fünf bis zehn, die im Gebiet zwischen Ober- und Unterjettingen ursprünglich als Hauptschule zentral erbaut wurde, gibt es in Ober- und Unterjettingen auch je eine Grundschule mit Nachmittagsbetreuung. Die ortsansässige Volkshochschule bietet Lehrgänge zur Weiterbildung, Vorträge sowie kulturelle und sportliche Veranstaltungen. Im Oktober 2008 wurde die neue Gemeindebibliothek im Gebiet zwischen Ober- und Unterjettingen eröffnet.

Betreuung

In Jettingen gibt es sechs Kindertagesstätten (Stand: 31. Juli 2014), die alle sowohl einen Kindergarten haben als auch Kleinkindbetreuung anbieten. Darunter sind zwei evangelische Kindertagesstätten und ein Waldkindergarten.

Persönlichkeiten
Söhne und Töchter der Gemeinde
Karl Ludwig Weisser (1823–1879), geboren in Unterjettingen, Lithograph und Kunstgelehrter
Johannes Graf (1853–1923), geboren in Oberjettingen, Kirchenmusiker
Martin Haag (1891–1980), geboren in Unterjettingen, Landwirt und Politiker (CDU), Landtagsabgeordneter
Hansmartin Decker-Hauff (1917–1992), geboren in Oberjettingen, Historiker und Genealoge
Werner Andler (1945–2013), geboren in Unterjettingen, Kinderarzt
Bianca Brösamle (* 1997), Fußballspielerin
Ehrenbürger
Willy Dieterle, erster Bürgermeister der Gesamtgemeinde (von 1972 bis 2004); nach ihm ist die Mehrzweckhalle (ehemalige „Schwabenhalle“) im Gemeindezentrum benannt
Der Tübinger Professor Hansmartin Decker-Hauff; nach ihm ist die Grundschule in Oberjettingen benannt
Literatur
Ernst Christian Haag: Ortssippenbuch Unterjettingen, Kreis Böblingen, Württemberg 1639–1985. Selbstverl. d. Verf., Tübingen 1985 (Deutsche Ortssippenbücher Reihe A 114 – Württembergische Ortssippenbücher 13)
Ernst Christian Haag: Ortssippenbuch Oberjettingen mit Sindlingen, Kreis Böblingen, Württemberg; 1488–1989. Selbstverlag d. Verf., Waiblingen 1989 (Deutsche Ortssippenbücher Reihe A 149 – Württembergische Ortssippenbücher 17)
Weblinks
 Commons: Jettingen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Bei Wikisource gibt es die Beschreibungen der Ortsteile Oberjettingen, Unterjettingen und Sindlingen in der Beschreibung des Oberamts Herrenberg von 1855
Homepage der Gemeinde