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Geschichte

Die erste sicher zuordenbare urkundliche Erwähnung stammt aus dem Urkundenbuch des Klosters Arnsburg und ist mit 1305 datiert.[2] Um 1300 entstand eine neue Kirche, dessen Chorturm erhalten ist. Das heutige Kirchenschiff der Evangelischen Kirche Reiskirchen wurde 1769 bis 1771 im Übergangsstil zwischen Spätbarock und Klassizismus errichtet.

Ein Überblick über die Geschichte der Gemeinde Reiskirchen bietet eine Ausstellung im Hirtenhaus, das als Heimatmuseum genutzt und von der heimatgeschichtlichen Vereinigung Reiskirchen betrieben wird.

Der Gemeinde wurde vom Hessischen Minister des Innern am 8. November 1974 die Genehmigung zur Führung des vom Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt entwickelten Wappens erteilt, dessen Beschreibung „in einem schwarzen von goldenen Streifen netzartig geteilten Wappenschild eine mit einem roten Kirchturm belegte silberne Spitze“ lautet.

Im Reiskirchener Ortsteil Saasen existiert immer noch ein Relikt aus den 1950er Jahren: Eine Gefriergemeinschaft, gegründet, als die Anschaffung von Tiefkühltruhen für Privathaushalte noch zu teuer war.

Eingemeindungen

Am 31. Dezember 1970 schlossen sich die Gemeinden Reiskirchen, Hattenrod, Saasen und Winnerod im Rahmen der Gebietsreform in Hessen freiwillig zur neuen Gemeinde Reiskirchen zusammen. Am 1. April 1972 wurde die Gemeinde Burkhardsfelden auf freiwilliger Basis eingegliedert. Am 1. Januar 1977 kamen die Gemeinden Bersrod, Ettingshausen und Lindenstruth nach dem Gesetz zur Neugliederung des Dillkreises, der Landkreise Gießen und Wetzlar und der Stadt Gießen hinzu.[3][4]
siehe auch Burgstall Reiskirchen

Historische Namensformen

In erhaltenen Urkunden wurde Reiskirchen unter den folgenden Ortsnamen erwähnt (in Klammern das Jahr der Erwähnung):[2]

Richolueschiricha (975) [MGH Diplomata Könige 2,1, Otto II. : Sickel, Nr. 102] ist mit Reiskirchen südlich von Wetzlar zu identifizieren. [vgl. Kellner, St. Bartholomäus, S. 37 f.]
Richoluiskirchen, de (1238) [Urkundenbuch des Klosters Arnsburg 3, Nr. 27]
Ricolfiskirchen, in (1305) [Urkundenbuch des Klosters Arnsburg 3, Nr. 339]
Richolskirchin, de (1319) [Urkundenbuch des Klosters Arnsburg 3, Nr. 495]
Richelskyrchen (14. Jahrhundert)
Ryßkirchen, zu (1501) [UB Gießen Hs. 556/60 p. 15]
Territorialgeschichte und Verwaltung

Die folgende Liste zeigt die Territorien bzw. Verwaltungseinheiten denen Reiskirchen unterstand im Überblick:[2][5]

1325: in iurisdictione Buchsecke: in villa Reiskirchen [Urkundenbuch der Stadt Wetzlar 2 Nr. 326]
1508 und später: Heiliges Römisches Reich, Gericht Busecker Tal (Ganerbschaft des „Busecker Tals“ der Freiherren zu Buseck; einzelne Güter gehören zur Vogtei Winnerod)
vor 1567: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen, Gericht Busecker Tal (die gerichtlichen Auseinandersetzungen um die Landeshoheit endeten erst 1726)
ab 1567: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Marburg, Gericht Busecker Tal
1604–1648: Heiliges Römisches Reich, strittig zwischen Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und Landgrafschaft Hessen-Kassel (Hessenkrieg)
ab 1604: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Regierungsbezirk Gießen, Oberamt Gießen (ab 1789), Gericht Busecker Tal[6]
ab 1806: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Gießen, Landamt Gießen, Gericht Busecker Tal[7]
ab 1815: Deutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landamt Gießen, Gericht Busecker Tal[8]
ab 1821: Deutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landratsbezirk Gießen (Trennung zwischen Justiz (Landgericht Gießen; 1827 ging die Patrimonialgerichtsbarkeit der Freiherren zu Buseck an das Landgericht über) und Verwaltung)
ab 1832: Deutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Grünberg
ab 1837: Deutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen
ab 1848: Deutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Gießen
ab 1852: Deutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Gießen
ab 1867: Norddeutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Gießen
ab 1871: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Gießen
ab 1918: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Gießen
ab 1945: Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen
ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen
ab 1977: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Lahn-Dill-Kreis
ab 1979: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen
ab 1981: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Gießen, Landkreis Gießen
Gerichte seit 1803

In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für die Provinz Oberhessen wurde das „Hofgericht Gießen“ als Gericht der zweiten Instanz eingerichtet. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Reiskirchen das „Patrimonialgericht der Freiherren zu Buseck“ in Großen-Buseck zuständig.
Das Hofgericht war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt.

Mit der Gründung des Großherzogtum Hessen 1806 wurde diese Funktion beibehalten, während die Aufgaben der ersten Instanz 1821 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Land- bzw. Stadtgerichte übergingen. Aber erst ab 1827 wurde die Patrimonialgerichtsbarkeit durch das „Landgericht Gießen“ im Namen der Freiherren ausgeübt. Infolge der Märzrevolution 1848 wurden mit dem „Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren“ vom 15. April 1848 die standesherrlichen Sonderrechte endgültig aufgehoben.[9]

Anlässlich der Einführung des Gerichtsverfassungsgesetzes am 1. Oktober 1879 wurden die bisherigen Land- und Stadtgerichte im Großherzogtum Hessen aufgehoben und durch Amtsgerichte an gleicher Stelle ersetzt, ebenso verfuhr man mit den als Obergerichten fungierenden Hofgerichten, deren Funktion nun die neu errichteten Landgerichte übernahmen. Die Bezirke des Stadt- und des Landgerichts Gießen wurden zusammengelegt und bildeten nun zusammen mit den vorher zum Landgericht Grünberg gehörigen Orten Allertshausen und Climbach den Bezirk des neu geschaffenen Amtsgerichts Gießen, welches seitdem zum Bezirk des als Obergericht neu errichteten Landgerichts Gießen gehört.[10] Zwischen dem 1. Januar 1977 und 1. August 1979 trug das Gericht den Namen „Amtsgericht Lahn-Gießen“ der mit der Auflösung der Stadt Lahn wieder in „Amtsgericht Gießen“ umbenannt wurde. In der Bundesrepublik Deutschland sind die übergeordneten Instanzen des Amtsgerichts Gießen, das Landgericht Gießen, das Oberlandesgericht Frankfurt am Main sowie der Bundesgerichtshof als letzte Instanz.

Einwohnerentwicklung

Belegte Einwohnerzahlen sind:[2][11]

1502: 16 Männer
1577: 33 Hausgesesse
1630: 42 Männer, 3 Witwen, 9 Vormundschaften
1669: 195 Seelen
1742: 2 Geistliche/Beamte, 69 Untertanen, 26 Junge Mannschaften, 8 Beisassen/Juden
1804: 425 Einwohner
1830: 466 evangelische Einwohner, 24 Juden.
1885: 706 Einwohner
1925: 975 Einwohner
1939: 1038 Einwohner
1950: 1602 Einwohner
1961: 1676 (1402 evangelisch, 236 römisch-katholisch) Einwohner. Erwerbspersonen: 195 Land- und Forstwirtschaft, 338 Prod. Gewerbe, 173 Handel, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, 148 Dienstleistungen und Sonstiges.
2000: 10650 Einwohner (Haupt- und Nebenwohnungen)
2010: 11950 Einwohner (Haupt- und Nebenwohnungen)
Reiskirchen: Einwohnerzahlen von 1834 bis 1967
Jahr     Einwohner
1834    636
1840    674
1846    702
1852    776
1858    776
1864    657
1871    679
1875    664
1885    706
1895    754
1905    841
1910    889
1925    975
1939    1.038
1946    1.497
1950    1.602
1956    1.647
1961    1.676
1967    1.817
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.

Politik
Gemeindevertretung

Die Kommunalwahl am 6. März 2016 lieferte folgendes Ergebnis,[12] in Vergleich gesetzt zu früheren Kommunalwahlen:[13][14]

Sitzverteilung in der Gemeindevertretung 2016

    

Insgesamt 31 Sitze SPD: 10 Grüne: 3 CDU: 9 FW: 9

Parteien und Wählergemeinschaften %
2016
Sitze
2016
%
2011
Sitze
2011
%
2006
Sitze
2006
%
2001
Sitze
2001
SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands 32,7 10 36,2 14 40,3 15 38,6 14
CDU Christlich Demokratische Union Deutschlands 27,8 9 25,0 9 31,2 12 34,6 13
FW Freie Wähler 30,1 9 19,6 7 15,8 6 16,0 6
GRÜNE Bündnis 90/Die Grünen 9,4 3 15,8 6 5,4 2 5,5 2
FDP Freie Demokratische Partei 3,3 1 3,6 1 2,2 1
CSWU Christlich Soziale Wählerunion 3,6 1 3,2 1
Gesamt 100,0 31 100,0 37 100,0 37 100,0 37
Wahlbeteiligung in % 49,0 44,9 43,4 56,9

Bürgermeister

Seit dem 15. März 2013 ist Dietmar Kromm (parteilos, unterstützt von der CDU) Bürgermeister der Großgemeinde Reiskirchen. Er wurde am 3. Februar 2013 in der Stichwahl gegen Bernd Debus (Freie Wähler) mit 73,1 % der Stimmen gewählt. In der Wahl am 20. Januar 2013 erreichte Dietmar Kromm 47,3 %, Bernd Debus 26,8 % und Anette Henkel (SPD) 25,9 % der abgegebenen Stimmen. Der zuvor zurückgetretene Bürgermeister Holger Sehrt (SPD) kandidierte nicht mehr.

Partnerschaften

Die Gemeinde Reiskirchen pflegt Partnerschaften mit den Gemeinden Goleszów in Polen, der elsässischen Gemeinde Muttersholtz und mit Wandersleben in Thüringen.

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Einen hohen Bekanntheitsgrad hat das Blasorchester der Freiwilligen Feuerwehr Reiskirchen unter der musikalischen Leitung von Otmar Scheld, der für seine Verdienste am 23. Dezember 2007 vom damaligen hessischen Innenminister Volker Bouffier das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekam.[15]

Naturdenkmäler
Hauptartikel: Liste der Naturdenkmäler in Reiskirchen
Sport

Erwähnenswert sind die Sportvereine TSG Reiskirchen, der Tennisverein Reiskirchener TC mit vier Tennisplätzen sowie der Sportplatz Jahnstraße. Der Kegelklub Meteor 85 Reiskirchen spielt mit der 1. Mannschaft in der Kegel-Bundesliga.

Verkehr

Reiskirchen ist verkehrsgünstig an den Autobahnen 5 und 480 („Reiskirchener Dreieck“) und an der Bundesstraße 49 gelegen.
Für die B 49 ist eine Ortsumgehung im Süden geplant. Vor allem durch den Bahnübergang am Reiskirchener Bahnhof staut sich der Verkehr bei Schließung der Schranken sehr stark zurück, und da bis 2020 das Verkehrsvolumen um 33 % ansteigen soll, ist die Umgehung in die Kategorie Vordringlicher Bedarf eingeordnet. Als Kosten für die Südumgehung werden ungefähr 12 Millionen Euro angegeben.[16]

Am 22. März 2009 haben die wahlberechtigten Bürger Reiskirchens in einem Bürgerentscheid darüber abgestimmt, ob ein Beschluss der Gemeindevertretung für die Südumgehung aufgehoben wird. 66 Prozent der Abstimmenden votierten gegen diesen Vorschlag bei einer Wahlbeteiligung von 56,6 Prozent.[17]

In den Ortsteilen Reiskirchen und Saasen befinden sich Haltepunkte der Vogelsbergbahn.

Literatur
Katharine Alexander: Geschichten aus dem alten Reiskirchen. Heimatgeschichtliche Vereinigung, Reiskirchen 1999
Karl Glaser: Zur Geschichte des Klosters Wirberg. In: Einladung zu den am 12., 13., und 14. März stattfindenden Schulfeierlichkeiten in dem Großherzogl. Gymnasium in Gießen. Gießen 1856, S. 3–16 (Digitalisat)
Gustav Ernst Köhler: Die Geschichte von Reiskirchen. Teil 1. Von den Anfängen bis zum Westfälischen Frieden. Heimatgeschichtliche Vereinigung, Reiskirchen 1993
Gustav Ernst Köhler: Wirberg. Burg, Kloster, Pfarre. Heimatgeschichtliche Vereinigung, Reiskirchen 1998
Reiskirchen. Bilder aus vergangenen Tagen. Geiger, Horb am Neckar 1990, ISBN 3-89264-440-3 (alte Ansichten)
Literatur über Reiskirchen in der Hessischen Bibliographie
Suche nach Reiskirchen (Hessen) im Archivportal-D der Deutschen Digitalen Bibliothek
Weblinks
 Commons: Reiskirchen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Reiskirchen, Landkreis Gießen. Historisches Ortslexikon für Hessen. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
Linkkatalog zum Thema Reiskirchen bei curlie.org (ehemals DMOZ)